Unser Fundament

Unser Fundament

Wie steht es mit dem Erlebnis Religion, unserer Begegnung mit unserer Kirche? Wie steht es mit unserem Auftrag und unserer Verpflichtung? Unsere Gründer und jedes ihnen folgende neue Mitglied gelobten bei ihrem Eintritt in die Gilde „vorbehaltlos nach den Geboten Gottes, den Vorschriften ihrer Kirche und den Grundsätzen des Naturrechts zu leben“.  Aber schon 1968 stellten sich die Mitglieder anders auf. Das Gelöbnis wurde formal geändert, erhielt dabei einen neuen Inhalt. Sie versprechen nicht mehr, nach den Vorschriften unserer Kirche, sondern – neben den Geboten Gottes – nach der Lehre der katholischen Kirche zu leben und diese nach unserer Stellung und Leistungsfähigkeit und nach besten Kräften zu verwirklichen.

Was bedeutet diese Änderung, und welches Ereignis war eingetreten, das diese Änderung veranlasste. Der Vorsitzende im Jahre 2006 führte dazu in der Jahresmesse der Gilde aus Anlass der Aufnahme zweier neuer Freunde aus:

„Das Versprechen „ich gelobe, vorbehaltlos nach den Geboten Gottes und den Vorschriften meiner Kirche zu leben, ist der deutliche Hinweis auf die in der Gründerzeit unserer Gilde noch herrschende traditionelle Auffassung von unserer Kirche als Volkskirche. Für die Volkskirche ist charakteristisch, dass Konfession und Gesellschaft in einer Region oder in einem Volk mehr oder weniger deckungsgleich sind. Die Zugehörigkeit zu einer Konfession oder die Mitgliedschaft in der Kirche gilt als selbstverständlich, Christsein ist gleich Kirchesein, ich bin in die Kirche hineingeboren. Die Volkskirche begründet und stützt sich auf Herkommen, Tradition, Geschichte. So sind die Älteren von uns groß geworden. Ich kann für mich Beispiele zuhauf bringen, die belegen, dass Religion und Kirche den Tagesablauf bestimmten, beginnend mit dem Gebet am Morgen, am Mittagstisch, der Beichte, der Kommunion, dem sonntäglichen Gottesdienst „auf Latein“. Das „warum eigentlich Kirche“ wurde nicht gefragt. Vorbehaltlos übernahmen wir, was die Eltern, Lehrer und Pfarrer uns sagten. Und wir Alle zogen daraus auch unseren Nutzen. Gott, Christus, die Sakramente, der sonntägliche Gottesdienst, sie waren die Pfosten, an denen wir ankerten, um ein Bild zu wählen, und die in ihnen sichtbar werdenden Werte gaben unserem Leben Halt. Das war alles selbstverständlich, das war die Sozialform unserer Kirche und danach lebten auch unsere Gründer und das war ihr Ziel in der Gemeinschaft Alfred Delp, wie sie es gelobten, vorbehaltlos in der Lebensform der überlieferten Volkskirche die Gemeinschaft zu gestalten.

Welches Ereignis hatte es gegeben, das vier Jahre später zu der neuen Fassung des Gelöbnisses führte, ungleich selbstbewusster und sich der Kirche gegenüberstellend.

Etwa zu der Zeit, als unsere Gilde gegründet wurde, fand das 2. Vatikanische Konzil statt. Viele Katholiken empfanden dieses als einen Neuanfang, als einen Aufbruch in eine neue Zeit, als eine Absage an den Klerikalismus, als ein Nein zum römischen Zentralismus. Sie suchten das Laienapostolat und den Laienkatholiken, die Mitverantwortung des Laien an der Sendung der Kirche. Und tatsächlich: die Kirche begann, sich zu verändern und sie hatte diese Veränderung, von fast Allen nicht gesehen, schon zum 2. Vatikanum hin eingeläutet: die Kirche stellte sich der Welt und sie wandelte sich von der Volkskirche zur Kirche  als der Gemeinschaft des Volkes Gottes, getragen von allen ihren Gliedern im Bewusstsein ihres Kircheseins. Für die Beschreibung des äußeren Prozesses der Wandlung mögen einige, Beschlüsse wiedergegeben sein: Die Verabschiedung der Liturgiekonstitution, der Bibelkonstitition, des Ökumenismusdekrets. Diese Beschlüsse wirkten intensiv in den Kirchen- wie Laienalltag hinein und sind noch heute wirksam, wie auch das Konzil sich zu der Mitverantwortung der Laien an der Sendung der Kirche bekannte und den Umgang mit Andersdenkenden  unbefangener pflegte . Das eigentliche Anliegen, die Umsetzung der neuen Erkenntnis, Kirche ist der einzelne Gläubige, getragen von dem Bewusstsein dieses Kircheseins und in diesem Bewusstsein  das Leben und die Sendung der Kirche mit zutragen, ist aber nicht nachlesbar sichtbar gemacht worden, das ging vielleicht auch nicht.ließ sich nicht in Beschlussform kleiden. Und es wurde auch wohl nicht genug gesehen – wie bei den vielen anderen zu behandelnden Problemen – Kirchesein erfordert eine größere Entschiedenheit und eine geistliche Vertiefung unseres eigenen Kirchenbewusstseins, wenn das volkskirchliche Milieu nicht mehr nutzt. Diese neue Kirche muss gelebt werden. Und das haben unsere Gründer – von unserem Cartell Rupert Mayer angestoßen – spätestens 1968 erkannt, als sie ihr Gelöbnis neu formulierten: wir leben nach der Lehre der Kirche und gestalten diese Kirche nach besten Kräften mit.  Heute die Kirche zum Haus und zur Schule der Communio zu machen, darin liegt die große Herausforderung, die in dem beginnenden Jahrtausend vor uns steht, wenn wir dem Plan Gottes treu sein und auch den tiefgreifenden Erwartungen der Welt entsprechen wollen“.

Als die Petrus-Gilde Recklinghausen im Jahre 2006  ihr 50 jähriges Bestehen feierte, hielt Prof. Hermann J. Pottmeyer, den wir jetzt auch hier in Bochum hören werden, den Festvortrag zu dem Thema: „Vierzig Jahre seit dem 2. Vatikanischen Konzil – was ist daraus geworden?“ Das Hören dieses Vortrag war ein Erlebnis und für mich der Anlass, seine Ausführungen in den heute gewollten Zusammenhang der Überlegungen zur Entstehung der 2. Fassung unseres Gelöbnisses zu stellen (teils wörtlich übernommen). Er endete etwa so: „Damit sind wir im Zentrum dessen, was ich als prophetische Intuition des Papstes bezeichnen möchte. Die Gestaltung der Kirche zu einer Communio bedarf einer Spiritualität der Communio, damit die Kirche in den Herzen erwache“.

Ludwig Mauer

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